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Grenzen der Grenzenlosigkeit
von Martin Fryba, Chefredakteur crn.de
Der Sonntag bleibt heilig, zumindest ein bisschen. Mit seinem Advents-Urteil hat das Bundesverfassungsgericht diese Woche einem grenzenlosen Kommerz und Konsum Schranken gesetzt. Der Vorsitzende des Ersten Senats, Wilhelm Schluckebier, begründete: »Shop around the clock« verstoße gegen den Schutz von Sonn- und Feiertagen, eine bemerkenswerte Wortwahl für einen konservativen Richter. Man muss nicht konservativ sein, auch nicht konfessionell gebunden, um dieses Urteil zu begrüßen.
Sonntags hat die Arbeit nach Möglichkeit zu ruhen, das ist weit mehr als lediglich die Durchsetzung eines in der Verfassung verankerten Schutzrechts. Es geht um »Ruhe und seelische Erhebung«, wie es in der Begründung heißt, sie ist keinesfalls nur auf Besucher von Gottesdiensten gemünzt. Das oberste Gericht hat ja nicht viele Gelegenheiten, sich mit der mentalen Befindlichkeit der Bürger zu beschäftigen. Nun hat es das Gericht getan und lässt im Subtext dieses Urteils eine bemerkenswerte Kritik durchblicken, die man weit über das bloße »Shopping-Interesse« hinaus fassen kann.
Ruhe, Innehalten, Besinnung. Solche reflexiven Haltungen sind einer ökonomisierten Gesellschaft fremd geworden. Erbauung, in welcher Form auch immer, ist einer Getriebenheit gewichen. Statt Be- und Einschränkung herrscht überall die Aktion in Permanenz: Die Arbeitswelt hält Kommunikationssysteme dauerhaft verfügbar für den sich dauerhaft verfügbar machenden Angestellten, der in rund um die Uhr geöffneten Shopping-Malls Waren kauft, die er nicht braucht, mit Geld, das er nicht hat, und wenn er dann auf dem Sofa zur Ruhe kommen könnte, fordert eine Informations- und Unterhaltungsindustrie mit der Dauerberieselung vorbildlich sinn- und nutzfreier Angebote den Rest seiner geistigen Ressourcen – falls diese, leider nicht grenzenlos vorhanden, nicht längst schon aufgebraucht sind. Action around the clock? Noch nicht ganz. Aber an der dauerhaften Nutzbarmachung und Ökonomisierung seiner Nachruhe wird schon gearbeitet - permanent natürlich.
Martin Fryba
Chefredakteur crn.de
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